Wie Blockchain Inflation und Zinsen drücken kann

Torben L. aus Hamburg fragt:

Lieber Herr Müller, ich verfolge mit großem Interesse Ihren Chainberry Talk. Als Anleger ärgere ich mich seit Jahren über die niedrigen Zinsen. Wann werden wir endlich wieder höhere Zinsen für unser Erspartes bekommen? Was ist Ihre Meinung?

Karsten Müller antwortet:

Ich denke, das wird in Deutschland noch ziemlich lange auf sich warten lassen. Da Inflation auf absehbare Zeit kein ernstzunehmendes Thema ist, wird die Europäische Zentralbank wohl an ihrem Niedrigzinskurs festhalten.

Torben L.:

Aber wenn ich an die Tankstelle fahre, dann steigen doch die Preise. Ist das keine Inflation?

Karsten Müller:

Da haben Sie Recht. Der Ölpreis hat in den letzten 12 Monaten um mehr als 30% zugelegt. Das Ergebnis sehen Sie an der Zapfsäule. Aber: Den stark schwankenden Energiemärkten wirken stetige langfristige Effekte entgegen. Inflation wird gedämpft. Stichwort Digitalisierung und auf Sicht auch Blockchain.

Torben L.:

Herr Müller, mal im Ernst, kann Digitalisierung wirklich eine Ölpreiserhöhung auf der Inflationsseite kompensieren?

Karsten Müller:

Das kann sie ad hoc natürlich nicht. Starke Schwankungen finden sich postwendend an den Zapfsäulen wieder. Digitalisierung wirkt eher stetig und unterschwellig. Sie verhindert, dass sich höhere Ölpreise mit Zeitverzug auch in vielen anderen Preisen wiederfinden.

Torben L.:

Können sie mir dazu ein Beispiel nennen?

Karsten Müller:

Beispiele gibt es unzählige. Nehmen Sie ein Beispiel mit direktem Bezug zum Ölhandel. Zwar werden die bekannten Ölsorten wie Brent oder WTI superliquide und effizient an Börsen gehandelt. Aber bis das Öl über seine Veredelungsstufen seinen Weg zum Endabnehmer findet, verdienen unzählige Adressen mit. Eine Pyramide von Zwischenhändlern sorgt für die Verteilung des Rohstoffs und auf jeder Stufe bleiben natürlich ein paar Dollar hängen. Das wird sich sukzessive ändern. Unternehmen wie Ideanomics sind aktuell dabei, den Ölhandel mittels der Blockchain zu revolutionieren. Dazu haben sie digitale Derivate geschaffen. Diese stellen das Recht auf eine bestimmte Qualität und Quantität Öl dar. Diese digitalen Derivate sind Peer to Peer, also direkt und unter Umgehung von vielen Handelsstufen, handelbar. Setzt sich das durch, dann wird diese Vorgehensweise massiven Druck auf die Margen der Zwischenhändler ausüben. Oder nehmen wir ein anderes Beispiel mit direktem Bezug zu Zinsen und Anleihen. Das Land Österreich hat jüngst als erstes europäisches Land eine Staatsanleihe mit Unterstützung von Blockchain begeben. Das wird sich durchsetzen. Viele kostenträchtige Stufen im Emissionsprozess werden eliminiert. Und das sind nur zwei sehr kleine Beispiele.

Torben L.:

Aber kann man so etwas verallgemeinern?

Karsten Müller:

Ja, das muss man sogar. Digitalisierung und im speziellen Blockchain als Infrastruktur der Digitalisierung führen zu Transparenz und eliminieren Mitter. Damit sinken die Transaktionskosten. Dieser Entwicklung werden übrigens auch sehr viele Jobs zum Opfer fallen. Der Druck auf den Arbeitsmarkt ist absehbar.

Torben L.:

Nun reden wir von einem kurzfristigen Inflationsanstieg, ausgelöst durch höhere Ölpreise auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite von einem Inflationsdämpfer „Blockchain“. Einer Technologie, die noch in den Kinderschuhen steckt. Wie passt das zusammen?

Karsten Müller:

Die Blockchain wird die direkten Preiseffekte des Ölpreisanstieges an der Zapfsäule nicht verhindern können. Aber Digitalisierung generell und im speziellen Blockchain bremsen das Einsickern von Inflation in die gesamte weiterführende Preisstruktur. Die Zentralbanken müssen weiterdenken. Sie haben auch langfristige Perspektiven zu berücksichtigen. Stichwort Vollbeschäftigung. Das absolute Zinsniveau wird im historischen Maßstab über eine sehr lange Periode niedrig bleiben.

Torben L.:

Lieber Herr Müller, vielen Dank für diesen sehr anregenden E-Mail-Austausch. Ich habe zwar nicht wirklich alles verstanden und in einigen Punkten bleiben schon noch Fragen offen, aber ich kann mich ja wieder bei Ihnen melden! VG

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